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Über das Aussteigerleben – Ute Heim im Interview

Für die Ausstellung „OUTSIDE“ untersuchte Ute Heim das „einfache Leben“. Auf den Spuren des amerikanischen Aussteigers und Philosophen H. D. Thoreau baute sie sich im Sommer 2017 eine Hütte auf einem Platz im Münchner Hasenbergl. Sie ging der Frage nach, was passiert, wenn man an einem urbanen Ort für einen Tag zum Einsiedler wird und untersuchte damit das Verhältnis von freiwilligem und unfreiwilligem Ausstieg. Außerdem zeigt sie ihren Versuch, mit Menschen in Kontakt zu treten, welche in den 80er-Jahren beschlossen, für den Rest ihres Lebens auszusteigen. Ihre Projekte „Inside Outside“ und „Waldenbergl“ – die Hütte und der zugehörige See sind in die PLATFORM gekommen. Als faltbarer Rückzugsort wurde der See ausgeklappt!

Ute Heim in der Ausstellungslandschaft; Foto: Alescha T. Birkenholz für PLATFORM.

Ute Heim ist gelernte Holzbildhauerin und Geigenbauerin, ihr Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München schloss sie 2009 ab. Seitdem arbeitet sie als freie Künstlerin. Ihr Atelier hat sie in der PLATFORM.

1. „Outside“ ist der Titel deiner Ausstellung. Warum das Thema Aussteigen?

Es ist etwas Grundmenschliches, dass man mal genervt ist von dem, wie es eben ist – der ganze Wahnsinn. Wieso macht man das eigentlich alles mit?
Und wenn man dann Menschen sieht, die bestimmte Sachen nicht mitmachen, finde ich das interessant – eine Verweigerung von bestimmten Sachen, die selbstverständlich sind.

2. Was fasziniert dich an H. D. Thoreau? Warum hast du dich gerade an ihm orientiert?

Er ist der prominenteste Aussteiger. Als ich wusste, dass ich einen Tag auf dem Platz am Hasenbergl verbringen werde, habe ich das Buch gelesen und einfach geschaut, was er so beschreibt in „Walden“. Bei der Recherche findet man, wo seine Hütte stand: eigentlich nur 1,5 Meilen von seinem Heimatort entfernt. Dort wohnten seine Mutter, seine Schwester und seine Freunde. Das war nicht die Wildnis, sondern ein Wald von einem befreundeten Schriftstellerkollegen. Es war also kein Allein-in-der-Wildnis-Experiment, als das es jetzt hochgehoben wird. Das interessiert mich eigentlich immer -wenn sowas Heroisches reinkommt, wo eigentlich nichts Heroisches ist. Er ist auch immer zu seiner Mama zum Essen gegangen.

3. Aber du hast dich nicht nur literarisch mit dem Aussteigerleben beschäftigt, sondern du hast auch einen persönlichen Bezug zu dem Thema. Wie entstand der Kontakt zu den „Aussteigern“?

Da wo ich herkomme, das ist eine sehr ländliche Gegend. Dort gibt es immer noch sehr billige Häuser zu mieten. Da ist wahnsinnig viel Platz. Das hat in den 70er und 80er Jahren Leute angezogen, die da richtig aussteigen wollten – wie man das damals eben gemacht hat.

Auf den Dias sieht man einen alten Steinbruch. Da gab es weiter unten eine Siedlung mit alten Häusern von den ehemaligen Arbeitern des Steinbruchs und ungefähr zehn Häuser, die neu dazu gebaut wurden von den Aussteigern. Das hieß dann einfach „der Steinbruch“. Da gab es dann ein paar Familien mit oft sehr vielen Kindern, die da selbstversorgermäßig gewohnt haben. Das ging ungefähr zehn Jahre und dann wie das halt so ist, sind die zu oft nackig rumgelaufen, es gab wohl auch Ärger mit dem Bürgermeister und den Jägern. Die Polizei musste ein paar Mal kommen.

 

Im Endeffekt hat das sehr tragisch geendet. Die Siedlung wurde dann mit dem Bagger geräumt, einer von den Bewohnern hat sich danach dort aufgehängt – das war 1991. Das stehen jetzt einfach kaputte Häuser seit 1991. Ich bin mit 17 da zum ersten Mal hingegangen und einige Gegenstände, die damals dort standen, stehen da immer noch, unverändert, am gleichen Platz.

4. Hat Aussteigen etwas mit Kunst zu tun?

Also, ich glaube, dass es klischeemäßig was damit zu tun hat. Aber wie das so ist mit den Klischees und dem Aussteigen: Aus was steigt man aus? Man steigt ja in was anderes ein. Und irgendwie ist das ja sowieso schwierig in Deutschland sowieso. Wo soll man denn hin aussteigen, ohne dass es irgendwelche Regelungen gibt? Es gibt überall eine Ordnung für den öffentlichen Raum. Bei der Kunst steigt man schon aus – auf eine bestimmte Art. Aber anders als viele vielleicht denken. Es ist ja nicht so, dass man den ganzen Tag im Atelier rumsitzt, das Geld kommt von alleine und man trinkt gemütlich Kaffee.

5. Wie war dein Besuch in der Prärie 20 Jahre später?

Ich habe die Leute ja zum Teil zwischendrin mal gesehen. Aber ich bin vor 20 Jahren weggezogen und deswegen war das schon… Den Weg hoch zum Steinbruch fand ich vor allem interessant, weil sich dort oben gar nichts verändert hat. Das fand ich wirklich erstaunlich. Bei den Leuten: Im Grunde, die bei denen ich früher gedacht habe, das wird schwierig – da ist es jetzt schwierig. Und die, die immer schon Drive gehabt haben: die schlagen sich immer noch gut durch. Die haben fünf Kinder, denen geht’s allen gut. Jetzt haben sie halt nur noch einen Garten und nicht mehr fünf, wie früher, weil es einfach körperlich nicht mehr zu schaffen ist.

6. Was hat dich am meisten überrascht bei deinem Reality-Check?

Da, wo die Häuser von den Baggern platt gemacht wurden, bin ich schon erschrocken. Es ist ganz schön krass, dass alles einfach so stehen bleibt. Das ist wirklich wie ein Mahnmal. Ziemlich erschreckend, dass es immer noch so aussieht. Zu sehen ist das, was nicht so schnell verfällt, das heißt alles, was aus Metall oder Stein ist: Töpfe und Mauern.

7. Du gehst gerne von Musik aus. Was ist für dich programmatisch für das Thema Aussteigen?

In „Waldenbergl“ habe ich ein Lied gesungen, vom Balkon herunter über den Platz. Da geht es darum, dass ein Cowboy nicht in der Prärie beerdigt werden möchte. Er fleht seine Freunde an. In der letzten Strophe singen dann seine Freunde, dass sie ihn dort in der Prärie beerdigt haben, genau auf die Art, wie er es nicht wollte. Programmatisch ist für mich in diesem Lied das Zweischneidige von Freiheit, von der Weite und den unendlichen Möglichkeiten, für die ja auch die Prärie steht. Zum einen das Losmachen von manchen Dingen, die Sicherheit geben, wodurch man auf der anderen Seite auch in Gefahr ist. So wie es den Bewohnern des „Steinbruchs“ ging, die dann einfach kein Haus mehr hatten.

Geschrieben am 26.04.2018 von Kunst
Themenbereich(e): Blog
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