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Made in Munich: WikiMUC/Christel Steigenberger


Wikipedia ist Macht – der Einfluss der Wissensplattform auf unseren Umgang mit Information ist unbestreitbar groß. Unter den am häufigsten besuchten Webseiten weltweit steht Wikipedia mittlerweile auf Platz fünf. Auch die Kunstwelt und vor allem die Präsenz von KünstlerInnen wird davon beeinflusst: die Google Sidebar zieht ihre Informationen zu Künstlerbiografien von Wikipedia, genauso wie etwa die Homepage des MoMAs. „Absences there echo across the internet“, sagen die Gründerinnen der internationalen Initiative ART+FEMINISM. Wikipedia ist zwar der Open Source-Idee und einer offenen, kollaborativen Netzkultur verpflichtet, in der weder kommerzielle noch politische Interessen im Vordergrund stehen. Doch spiegeln die Wikipedia Communities meist nicht den Bevölkerungsdurchnitt wider – der Standard-Wikipedianer ist weiß und männlich, weniger als 10% der AutorInnen identifizieren sich nach aktuellen Schätzungen als weiblich. Eine Schieflage, die es zu thematisieren und der es entgegenzuwirken gilt. Christel Steigenberger ist eine der wenigen Frauen, die mit Herzblut nicht nur Wiki-Admin, sondern auch ‚real life‘-Wikipedianerin bei WikiMUC ist. Wir haben sie im Vorfeld unseres ART+FEMINISM Edit-a-thons getroffen, um uns handfeste Editiertipps zu holen und zu erfahren, was eine Sozialpädagogin und Lyrikerin dazu bewegt, sich ehrenamtlich für eine buntere Wikipedia einzusetzen.

1. Du bist bei Wikipedia München aktiv und beteiligst dich am ersten Münchner ART+FEMINISM Wikipedia Edit-a-thon. Warum ist gerade dieses Thema interessant für Dich?

Für mich verbindet diese Veranstaltung die Welten, in denen ich mich gerne bewege und die allzu oft nebeneinander her existieren: Die Welt der Kunst, die Onlinewelt und eine Welt, in der es vor allem um die Belange von Frauen geht. Das finde ich ganz wunderbar, ich wünsche mir, dass es mehr Schnittstellen wie diese für die unterschiedlichen Leidenschaften in meinem Leben gibt.

2. Für was braucht es Plattformen?

Plattformen braucht es vor allem für die Dinge, die im Alltag zu leicht untergehen und übersehen werden. Für die Menschen, die sich nicht selbst wichtigmachen. Für die Bilder und Texte, die leise und unauffällig sind und ohne eine Plattform nicht gesehen oder gehört würden.

3. Welche Kooperationen in München waren bisher besonders wichtig für Dich und warum?

Für mich sind immer die Kooperationen am spannendsten, wo sich Menschen begegnen oder Menschen Inhalten begegnen, die sonst nicht zusammenkämen. Dafür bietet die Wikipedia erfreulich viele Gelegenheiten. So waren wir auch schon zu einem Edit-a-thon im Lyrik Kabinett München, das war für mich sehr schön. Aktuell plane ich ein Treffen zwischen den Netzwerkfrauen Bayern (ein Netzwerk für Frauen mit Behinderungen) und Wikipedia. Dor,t wo Menschen und Dinge sich neu und an unerwarteten Stellen begegnen, geschehen oft Wunder.

4. Wo siehst Du für München noch Entwicklungspotenzial?

München ist eine Stadt der Hochkultur und der glänzenden, teuren Events. Die Subkultur zu finden, ist in München manchmal schwierig. Es gibt aus meiner Sicht zu wenige Freiräume für Experimente, zu wenige Möglichkeiten zu scheitern ohne daran zu Grunde zu gehen, zu wenige Möglichkeiten sich abzugrenzen und mal sein ganz eigenes Ding zu machen.


WikiMUCS beim Erstellen neuer Wikipediaeinträge.
Von Burkhard Mücke – Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49866142

5. Du bist selbst auch als Lyrikerin aktiv. Was bietet München Kreativen, was andere Städte nicht haben?

München hat tolle Museen und Bibliotheken. Für mich als Lyrikerin ist vor allem das Lyrik Kabinett etwas wirklich fantastisches, etwas Ähnliches gibt es in keiner anderen Stadt. Daneben ist München aber mit seinen glänzenden Fassaden oft aber auch ein sehr hartes Pflaster für Kreative – bietet aber gerade dadurch oft auch wichtige Reibungs- und Spiegelflächen. Ich denke immer, diese reiche Stadt müsste auch viele Chancen für Kunstförderung bieten, aber mir persönlich haben sie sich leider noch nicht eröffnet.

6. Wer oder was inspiriert dich?

Ich chatte über die Wikipedia gerade viel mit Menschen aus anderen Kulturkreisen, aktuell vor allem aus Westbengalen und Bangladesch. Wie diese Menschen unter wesentlich schwierigeren Alltagsbedingungen ihr Wissen zur Wikipedia beitragen, wie sie sich für Bildung und Wissensvermittlung und oft auch für Poesie und Kunst einsetzen, das begeistert und inspiriert mich sehr.

7. Auf welche drei Tools könntest du nicht verzichten?

Ganz altmodisch: auf meinen Kugelschreiber und eine Schreibkladde zu verzichten, würde mir sehr schwer fallen. Aber auch ohne Chatprogramme würde ich wohl aktuell viel Lebensqualität vermissen. Es muss kein bestimmtes sein, aber die Möglichkeit mich weltweit mit Freunden zu unterhalten ist ein wichtiger Teil meines Lebens geworden.

8. Welcher Artikel fehlt deiner Meinung nach auf Wikipedia?

Ich habe eine lange Liste an Artikeln, die mir persönlich noch fehlen. Am meisten wünsche ich mir, dass jemand den Artikel „Hidden in plain sight“ schreibt – also über einen Bericht der UNICEF über Gewalt gegen Kinder.

9. Was bedeutet es für dich als Frau im Netz präsent zu sein? Spielt Identität für dich dort überhaupt eine Rolle?

Ja, das spielt eine große Rolle, ich bin sehr bewusst dort als Frau unterwegs. Am Anfang meiner Netzkarriere habe ich zufällig oft eher neutrale Nicks verwendet und wurde dann oft für einen Mann gehalten. Das hat mir viel Stoff zum Nachdenken gegeben. Heute kultiviere ich eine bestimmte Rolle, die der „weisen alten Frau“, spiele aber auch gerne mit den Brechungen genau dieser Rolle.

10. Was ist deine persönliche Vision für die Zukunft?

Ich habe derzeit viele Befürchtungen für die Zukunft, und es fällt mir nicht leicht, eine positive Zukunft zu beschwören. Aber wenn es mir gelingt, sehe ich Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und Lebenswelten, die on- und offline zusammen arbeiten, gemeinsame Kunstwerke schaffen, die Poesie und Tanz wertschätzen und die miteinander lachen.

 


Christel Steigenberger
By Amrei-Marie (Own work) [CC BY-SA 4.0
(http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons)]

 

 

 

Geschrieben am 29.03.2017 von Laura Lang
Themenbereich(e): Blog, Made in Munich
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