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Made in Munich: Andreas Peiffer – Kunstclub13-Preisträger 2017


Ratternde Industriemotoren, die als wildgewordene Bestien in Ketten gelegt sind, bohren sich durch die Wand, metallene Stufen einer aus ihrer gewohnten Umgebung gerissenen Rolltreppe hängen schlaff an einem Kranhaken wie aufgebrochen herunter oder ein Stahlobjekt zur Stabilisierung von einsturzgefährdeten Schächten aus dem Tiefbau schwebt befremdlich im Ausstellungsraum: Andreas Peiffer demontiert, dekonstruiert und destruiert Objekte bis hin zu ganzen Räumen. Durch diese teilweise brachialen Eingriffe gleich einer Belastungsprobe durchbricht Peiffer wie mit dem Presslufthammer räumliche Grenzen und gewohnte Raumvorstellungen sowie die damit verbundenen Verhaltensmuster und Erwartungen an Orte und Räume. In seinen ortsspezifischen Arbeiten, in denen massive Materialien aus dem Baugewerbe wie Stahl oder Beton in großangelegten Objekten und Rauminterventionen zum Einsatz kommen, stellt Peiffer Fragen an die Dynamiken von Größe, Materialität, Gewicht und Prozessen und geht an die Grenzen des Erträglichen.  In seinen Arbeiten finden sich zahlreiche Bezüge zur Kunst und Literatur wie das Fife Days Locker Piece von Chris Burden, eine Performance, in der sich der Künstler fünf Tage lang in einen Spind einsperrte oder In der Strafkolonie, eine Erzählung von Franz Kafka. Andreas Peiffer (geb. 1982 in Marktheidenfeld) ist ausgebildeter Bildhauer. Er studierte Freie Kunst an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel bei Elisabeth Wagner sowie an der AdbK München bei Julian Rosefeldt und Olaf Metzel, bei dem er Meisterschüler war. 2015 erhielt Andreas Peiffer u.a. den Bayerischen Kunstförderpreis. Mit seinen Arbeiten ist er bereits in mehreren Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen gewesen u.a. in Bremen, Detroit, Hamburg, Kiel, London und München. Andreas Peiffer hat den diesjährigen Förderpreis für junge Kunst des Kunstclub13 gewonnen, der zum sechsten Mal vergeben wurde. Im Oktober eröffnet seine Ausstellung in der Halle der PLATFORM, die zum vierten Mal Kooperationspartnerin ist. Wir haben Andreas Peiffer vorab schon ein paar Fragen gestellt.

1. In vielen deiner Arbeiten und Projekte werden die Räume, mit denen Du Dich auseinandersetzt, einer ziemlichen Belastung ausgesetzt. Im Herbst eröffnet deine Ausstellung in der PLATFORM. Was hast Du mit der Halle konkret vor?

Konkret weiß ich das jetzt noch nicht, da meine Arbeitsweise sehr prozessual abläuft. Aber es ist richtig, ich werde mich mit der Raumstruktur und der Raumsituation beschäftigen und versuchen, dieser etwas entgegen zu setzen und sie zu brechen. Unter Umständen könnte sie darunter auch leiden.

2. In deinem Ausstellungskonzept hast du den Film Fitzcarraldo von Werner Herzog zitiert. Auch Assoziationen an Filme wie Metropolis oder Modern Times kommen bei deinen Arbeiten auf. Inwiefern spielen außergewöhnliche Filmkulissen eine Rolle innerhalb deiner Rauminstallationen, die oft etwas von großen Inszenierungen haben?

Ich finde die Kunst braucht immer auch eine formale und visuelle Ebene. Sie kann nicht nur von Kontext und Inhalt existieren. Die Bilder dieser Filme repräsentieren diese Verbindung sehr eindrucksvoll. Es kann jedoch auch in die entgegengesetzte Richtung abgleiten und die Gefahr bergen, nur noch formales Spektakel zu bedienen, neben dem der Inhalt keine große Bedeutung mehr hat.

3. Du nutzt Materialien aus dem Baugewerbe. Warum überwiegend Stahl und Beton?

Aufgrund der bestechend einfachen Verarbeitung.

4. Haben Deine oft brachialen Arbeiten auch einen weichen oder sogar poetischen Kern?

Eine gute Arbeit berührt das Gegenüber, ganz unabhängig von den Mitteln und ihrem Einsatz.

5. Hast Du Angst vor weichen und leichten Materialien?

Ich arbeite ja auch mit solchen Materialien. Wenn ich beispielsweise das Matta-Clarksche Motiv von „Office Baroque“ auf ein Handtuch frottiere, um es bei schweißtreibender Produktionsarbeit einzusetzen und mir zugleich meine künstlerischen Vorbilder im Bewusstsein zu halten. Grundsätzlich nutze ich das Material und Medium, die ich benötige, um ein Konzept umzusetzen.
Es sei denn das Material stellt selbst den Ausgangspunkt eines Projekts dar.

Andreas Peiffer, office baroqued towel , 2011, towel, 1,8 x 1 x 1,4m

6. Du erwähnst die Body-Art und Chris Burden als Ausgangspunkte und Inspiration für deine Arbeiten. Was verbindet die Body-Art der 1970er-Jahre mit deinen Rauminstallationen?

Sie spielen eine große Rolle für eine Erfahrungssammlung bei meinen körperlichen Projekten. Das Spannungsfeld und die Reaktionen zwischen Betrachter und Akteur finde ich äußerst wichtig um die Arbeit einschätzen und weiterführen zu können und um dadurch die eigene Notwendigkeit der Handlung zu rechtfertigen.

7. Viele deiner Raumskulpturen werden am Ende einer Ausstellung wieder zerstört. Reizt es Dich nicht, etwas Dauerhaftes zu schaffen?

Primär kommt es mir nicht darauf an, dass meine Arbeiten dauerhaft existieren. Da ich überwiegend ortsbezogen arbeite, reagiere ich auf räumliche Situationen. Ich nehme in Kauf, dass die Installation schon alleine aus formalen Gründen (beispielsweise ihrer Größe) auch wieder zerstört werden muss. Aber es gibt ja Möglichkeiten der Dokumentation.

8. Könntest Du dir vorstellen für eine Oper das Bühnenbild umzusetzen und wenn ja, welcher Stoff würde dich reizen?

Grundsätzlich wäre es eine spannende Herausforderung ein Bühnenbild umzusetzen. Ich könnte mir zum Beispiel abgründige, rätselhafte Themen vorstellen. Kafkas „Prozess“ oder Dostojewskis „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ könnten interessante Vorlagen sein.

9. In einer deiner Arbeiten hast Du eine Frisur in ein skulpturales Wandobjekt übersetzt. Als Vorlage diente Dir der revolutionäre Schnitt des Bob, auch 5 Point Cut genannt, den Vidal Sassoon in den 1960er-Jahren kreierte und dessen streng geometrischer Schnitt charakteristisch ist. Wo siehst Du Grenzen zwischen Schöpfungen des Alltags und dem Medium der Skulptur?

Die Grenzen sind absolut fließend. Diese Frisur beispielsweise ist sowohl formal als auch aufgrund ihrer gesellschaftlichen Bedeutung ganz selbstverständlich eine Skulptur. Ähnlich kann es bei Architektur, Mode, Design und vielen anderen künstlerischen Ausdrucksformen sein. Auch Zufallsentwicklungen können großes Potential mit sich bringen.

      

Andreas Peiffer, Five Point Cut, 2016, Haircut, Concret, Steel, 4,5 x 3,2 x 2,5 m

10. Wesentliche Eigenschaften deiner Arbeiten sind Größe, Gewicht und Belastung. Inwieweit spielen die Begriffe des Erhabenen und der Katastrophe eine Rolle für Dich?

Das Erhabene ist eine Kategorie, die für mich keine große Rolle spielt, vor allem nicht während der Umsetzung. Die Katastrophe kann wiederum, wenn man sie frei von Wertung und Tragik betrachtet, eine ästhetische Bildgewalt entwickeln. Natürlich ist es kompliziert Beispiele aufzuführen, da man diese schon sehr detailliert betrachten muss. Dennoch kann sich die Kraft, die beispielsweise bei einer Tsunami-Welle wie 2004 in Südost-Asien oder einem Großen Zugunglück wie in Eschede 1998 freigesetzt wird, ästhetisch sehr eindrucksvoll entfalten. In diesem Fall meine ich ausschließlich die plastische Transformation des Zugs, der sich wie eine Ziehharmonika zusammenschiebt.

11. Bei deinen teilweise opulenten Raumeingriffen, die den Ausgang oft im Ungewissen lassen, läutet bzgl. Sicherheits- und Brandschutzbestimmungen sicherlich bei einigen sofort die Alarmglocke. Wie gehst Du mit Einschränkungen und Enttäuschungen um?

Es stimmt, Aufgrund des bewussten Zulassens und Provozierens von Kontrollverlust ist der Ausgang nicht immer absehbar, teilweise auch statisch- und  brandschutztechnisch. Dennoch begreife ich Einschränkungen und Reglementierungen eher als Probleme, an denen man sich abarbeiten kann und die das Projekt prozessual bereichern können. Denn diese zu Umschiffen bedeutet meist ein Zugewinn an Komplexität.

      

Andreas Peiffer, Tire Deflation, 2015, Installation, Action, Steel, Automobile, 8 x 0,1 x 0,1 m

Film stills aus Filmportrait von Anne Mone Hilliges

Fotos: Andreas Peiffer

Geschrieben am 25.04.2017 von Sophia Plaas
Themenbereich(e): Ausstellung, Blog, Made in Munich
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