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Gastbeitrag von Konstantin Lannert: Schimmernder Dunst über Gropius County

Einen Farbreiz, der uns dunkler als Weiß und heller als Schwarz erscheint und trotzdem eine geringe Farbvalenz hinterlässt, den bezeichnen wir als Grau. So kennen wir das von der ebenso benannten Kohle sich ableitende Anthrazit, wir sprechen von Feld-, Maus- und Taubengrau. Grau kann leicht bläulich oder gelblich sein, besitzt als Farbe aber eigentlich keine Buntheit. Manch ein Grau erscheint uns warm, anderes als besonders kalt.

In Sarah Lehnerers Arbeiten “how many suns do you see?” und dem Bilderzyklus “Silver Equipment” dominiert Halogengrau, ein irritierend flirrendes Produkt aus Silbersalzen und Beton. Dieses Halogengrau ist die Farbe der Gips-Bildträger, auf denen sich die ephemer und zerbrechlich-naiv wirkenden Zeichnungen der Equipment-Serie befinden. Und dieses Halogengrau flimmert über Hauswandlandschaften und reflektiert von abstrakten Wolkendeckenflächen in der Projektion des Films “How many suns do you see?” (Part II), 2016. Das, was wir sehen, ist also nicht nur auf oder vor sondern auch aus Grau – und dabei trotzdem zart und steinhart, flüchtig und massiv.

© Sarah Lehnerer

Die auf den Gipsträgern befindlichen Zeichnungen zeigen Werkzeuge, Anleitungen und advertisments, all das was Sarah Lehnerer unter Equipment subsumiert. Es sind Interpretationen von found footage und damit Teil ihrer Recherche-Unternehmung “images, I see symptoms no reflections” 2016. Wir sehen abstrahierte Darstellungen von Autogenesetools, Hilfsmittel zur  Re-Generation und Re-Etablierung des Selbst, Beipackzettel einer krankhaft auf Verbesserungen fixierten Gesellschaft. Die so dargestellten Objekte und Textfragmente besitzen keine Referenz an eine mögliche Abstammungszeit, sind Höhlenmalerei und Apothekenrundschaureklame und Sci-Fi-Utopismus zugleich. Sie zeigen quasi-prothetische Optimierungsmittel einerseits, andererseits liegt in ihrer Präsenz auch ein Hauch Manufaktumwelt, in welcher der nächstbeste Mahagonirückenroller zur Vorbereitung der erfolgreicheren Vertragsverhandlungen am Folgetag eingesetzt wird. Es scheint um Haltungen – und das eben nicht nur im übertragenen Sinne – zu gehen. Dem Körper als physisch präsente organische Basis seiner subjektiven Befindlichkeitsmodi wird die biopolitische Dimensionierung seiner – fremdbestimmten – Programmatik oder Software gegenübergestellt. Das An-sich-arbeiten, das Sich-selbst-pflegen-müssen wird durch die Wahl der Darstellungen als Dogma der Moderne herausgestellt – und thematisiert doch gerade so eine Gegenwart und Zukunft, in der sich die Objekt-Subjekt Beziehung aufwerten oder womöglich umkehren werden und in welcher wir uns zu unserer körperlichen und geistigen Haltung einige Fragen gefallen lassen müssen. Geht es da wohl auch um Nähe und Wärme und Natur gegenüber ein technischen Distanziertheit und Kälte?

© Sarah Lehnerer

 

 

Die den Raum dominierende Videoarbeit „how many suns do you see?“ handelt von Visionen, Rhizomen, von anorganischem Beton und organischen communities. Dunkelheit. Dann dumpft ein Bass auf und schafft, in Verbindung mit einsetzendem Gesang, eine wärmere Atmosphäre. Zu der Tonspur fährt eine Drohnenfilmprojektion ab. Der unbemannte Flugkörper surrt lautlos – wir hören schließlich immer noch den Bassbeat und Snare-Gescharre und die Stimme, die uns nun außerdem danach fragt, wie viele Sonnen wir denn sehen können – an einer Plattenbausiedlung entlang. Mal steigt er hoch, fährt an einem Block vor und zurück wie ein 3D-Scanner. Wenn die Drohne besonders hoch aufsteigt, kann man im Hintergrund die recht eigentlich schüchterne und stark verstreute Silhouette Berlins ausmachen. Die Vermutung: wir betrachten eine Vorstadtrealität, die mal Ideal gewesen ist, eine Draufsicht auf die Aussicht, ein Rand der Gesellschaft, am Rande ebendieser. Wir sehen: Balkonschirmchen und unzählige Satellitenschüsseln, die für Freizeitfun und Unterhaltung sorgen sollen. Ein Mensch erscheint im Zeitraffer nur einmal für Sekunden auf einem der deprimierenden Sonnendecks und verzieht sich so schnell wieder, wie eine Kellerassel, die hoch erschreckt unter dem nächsten Stein verschwindet. Trotz Balkonidyll und Wipfelgrün dominieren Betongrau und Wolkenwaben das Panorama. Der aus- und wieder einsetzende Sound lässt die Bilderfolge irgendwie eindrucksvoll erscheinen, raw und rough, weil auch das footage manchmal leicht rattert und man gar nicht so genau weiß ob das nun Trick oder Technik ist.

   
Fotos: © Sarah Lehnerer
Man wird den Eindruck nicht los, dass hier eine Zukunft bereits als Vergangenheit abgehängt worden ist und natürlich werfen die Bilder im Verhältnis zum Text Fragen auf: Würde die Frau, wenn sie aus einem dieser Blöcke gerannt käme, in den Arm genommen werden? Sind wir nicht tatsächlich alle viel zu sehr damit beschäftigt uns zusammenzureißen, uns mithilfe aller irgendwie zur Verfügung stehender tools, allem greifbaren Equipment optimal auf die Bedingungen da draußen einzustellen um nicht durchzudrehen? Was sagt uns der Blick auf die Betonhabitationen, auf die Gesamtinstallation, die durchaus als Illustration des Romans „Schimmernder Dunst über Coby County“(Leif Randt, 2011) dienen könnte.

Die Bilder leuchten halogengrau von den Wänden, es ist ein Licht, das nicht viel Wärme verspricht. Andererseits liegt in der Nuancierung der Grautöne, liegen zwischen Schwarz und Weiß unendliche viele Farben verborgen. Sarah Lehnerers Arbeiten konfrontieren uns mit Fragen und Zweifel. Sie fordern keine Antworten sondern ein Nachjustieren und Dranbleiben, ein Zurücktreten und Scharfstellen.


Impressionen der Ausstellungseröffnung | Fotos: © Vivi D’Angelo

 

Der Beitrag ist eine gekürzte Version des Ausstellungstexts, der anlässlich der Ausstellung images, I see symptoms no reflexions* von Sarah Lehnerer in der Publikation images, I see symptoms no reflexions* (Part II) erschien. Die Ausstellung ist Teil des Förderpreises für junge Kunst des Kunstclub 13 e.V. der, in Kooperation mit der PLATFORM, der 2016 an Sarah Lehnerer verliehen wurde.

Die Ausstellung ist noch bis 15. Januar 2017 in der PLATFORM (Kistlerhofstr. 70 ->  81379 München -> Haus 60 -> 3. Stock) zu sehen. Der Ausstellungskatalog ist kostenlos vor Ort, in der PLATFORM erhältlich.

 

 

 

© Gunnar Lillehammer

AUTOR
Konstantin Lannert arbeitet als Ausstellungsmacher am
Münchner Stadtmuseum und anderswo. Dieses Jahr kuratierte er die Ausstellung BIER.MACHT.MÜNCHEN. im Münchner Stadtmuseum und Menthaphysica im easy!upstream. In der Landeshauptstadt trifft man ihn meist wild diskutierend auf dem Fahrrad an, ein alkoholfreies Bier in der Hand.

 

Geschrieben am 13.12.2016 von Kunst
Themenbereich(e): Blog, Gastbeiträge
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