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#Denkanstoesse zum Kunstarealfest

Das  Kunstarealfest steht vor der Tür und am 25. Juni werden wir unser Buch VISIONEN GESTALTEN zum Anlass nehmen, das Finale des Festes ausklingen zu lassen und Akteure, aber auch das Publikum zu Wort kommen zu lassen.

Bei so vielen „Denkanstößen“ und Aktionen, die stattfinden werden, haben wir uns selbst gefragt: Wie stellen sich Designer_innen und Künstler_innen die Zukunft vor? Wie können wir sie gestalten, dass sie gerechter und schöner wird?

Diese Fragen waren schon ein essentieller Teil bei der Entstehung unserer Publikation. Gleichzeitig freut es uns besonders, dass die Neue Sammlung in der Pinakothek der Moderne die Designikone FUTURO von Matti Suuronen erworben hat und am 1. Juni mit #Futuromuc eröffnet hat. Da das UFO-Haus schon Teil unseres Buches ist, lasst uns deshalb einen Blick auf zwei weitere Visionär_innen werfen:

Auf einer Führung der Pinakothek der Moderne haben wir zwei beeindruckende Persönlichkeiten aus den Sammlungen näher kennengelernt  – Pippilotti Rist und Werner Aisslinger. Auch wenn die Künstlerin und der Designer sehr unterschiedlich arbeiten, haben wir Parallelen zwischen beiden entdeckt.
So haben Sophia und ich (Matthieu) uns zur Aufgabe gemacht, euch beide etwas näher zu bringen.

SP: Pipilottis Rist Himalaya Goldsteins Stube (Remake of the Weekend), Musik C mit Anders Guggisberg ist eine Wohnung aus den 90ern nachempfunden. Eine gemütliche Wohnlandschaft erstreckt sich dort im Raum und lädt zum Lümmeln auf kuscheligen Sofas ein. Die Melodie, komponiert von Anders Guggisberg, verstärkt diese fast meditative Stimmung im dunklen Raum.

MC: Überall werden Filme auf Bänke, Tische, Bilder und sogar Flaschen projiziert. Sie zeigen ganz unterschiedliche Szenen und ähneln alten Familienvideos. Doch irgendwas irritiert. Was hat zum Beispiel ein Video von einem Fußballspiel auf einer Schnapsflasche zu suchen? Ein Fernseher verbrennt in einer Projektion auf einem Sofa und die Wand, die den Raum begrenzt, ist Fake.
So schaut Rist hinter die heile Fassade des Familienideals und zeigt die Künstlichkeit solcher Vorstellungen. Gleichzeitig steckt auch viel Visionäres drin. Auf der Fototapete finden sich neben Designklassikern, Roboter und Riesencomputer mit Datenbändern. Und eine ganz persönliche Vision versteckt sich im Namen der Installation: 2002 wurde ihr Sohn Himalaya geboren. Sein Name taucht auch schon 1988 in einem Buchtitel auf. So verknüpft die Künstlerin auf ihre poppige und bunte Art und Weise globale, westliche und sehr persönliche Visionen für die Zukunft miteinander.

SP: In der Ausstellungshalle der Neuen Sammlung mit dem bekannten Paternoster staunen wir nicht schlecht über die simulierte Vision von Leben und Arbeiten. Sind wir bei dem Möbeldesigner Werner Aisslinger in einer neueren Version von Odyssee 2001 gelandet? Was da im Carport schwebt, ist kein Ufo, sondern ein Auto. Von der plüschigen Retrowohnung bei Pipilotti Rist wechseln wir in eine durchdesignte Welt, in der Roboter und Drohne den Haushalt erobert haben. Zuerst fällt mein Blick auf ein Regal im Wohnzimmer, das aus Büchern besteht und mit Klammern festgehalten wird. Zum Glück haben analoge Gegenstände wie das Buch hier noch einen Platz. Die Bewohner bei Aisslinger leben nach dem modularen Prinzip, bei dem sich der Wohnraum an Veränderungen im Leben jederzeit und individuell anpasst. Die komplette Ausstattung besteht aus Arbeiten von Aisslinger, der bekannt ist für seine ungewöhnlichen Produkte in Möbeldesign und Innenarchitektur.

MC: Spannend finde ich ja diesen  Retro-Futurismus, der sich bei Aisslinger in alten Formen des Möbeldesigns mit neuen Techniken und Materialien widerspiegelt und bei Pipilotti in den organischen Formen der Möbel und Lampen, so ein Zukunftscharme der 70er und 80er verströmt.

SP: Allerdings wundert mich, dass Werner Aisslinger für sein House of Wonders nach wie vor an den Klassikern des gehobenen Bürgertums wie Haus, Garten und Carport festhält – ist dieses Konzept nicht vom Aussterben bedroht? Oder richten sich seine Produkte nur an Menschen, die sich auch in Zukunft ein solches Lebensmodell leisten können?

MC: Mich hat die Musik in Piplottis Zimmer an ihr Video Ever is over all erinnert. Dort lässt Rist eine Schauspielerin die Fenster mehrerer Autos mit einer Blume zerstören. Wie das Auto war auch der Fernseher besonders in den 90er-Jahren ein Statussymbol und beides zerstört Pipilotti Rist mit viel Wonne und spielerischer Energie: In der Installation in der Pinakothek der Moderne brennt der Fernseher. In diesem Punkt entfernen sich Rist und Aisslinger am meisten voneinander. Sie will radikal Neues durch Zerstörung schaffen (Wieso kommt mir da nur die Göttin Kali in den Sinn?), während er Neues auf Grundlage des alten erschafft.

SP: Betreten wir den Garten von Aisslinger befinden sich dort Hollywoodschaukel, ein Gewächshaus und mehrere Beete, die von einem Roboter im Strickpullover gegossen werden.

MC: Was Ähnliches finden wir auch wieder bei Pipilotti Rist, die ihr Jäckchen der Bodhisattva Statue angezogen hat. Ich finde so kleine, persönliche Gesten ganz wunderbar!

Der Garten, genau wie das kleinere Gewächsaus in der Küche, erinnert mit seiner Idee des micro farming an Sience-Fiction. Allein die Idee, seine eigenen Mahlzeiten und Möbel zu züchten, scheint direkt von Star Trek und Filmen wie dem Das Fünfte Element nachempfunden zu sein.

Spannend dabei ist, wie sich die Zukunftsvorstellungen im Laufe der Zeit verändern, von der Realität eingeholt und überholt werden. So erscheint uns zum Beispiel der Car Port in Aisslingers Vision nicht gerade zukunftsweisend , während wir von wachsenden Möbeln noch weit entfernt sind. Oder?

Und darum finden wir diesen Ort so toll. Ein Schmelztiegel verschiedener Ideen und Visionen, wo man sich Inspiration holen kann, eigene Gedanken weiter zu entwickeln und sich vielleicht auch einfach mal motivieren zu lassen, selber Hand anzulegen.

 

Fotocredits:

Für FUTORO: Die Neue Sammlung – The Design Museum © Jörg Koopmann

Für Pipilotti Rist: Bayrische Staatsgemäldesammlung

Für Werner Aisslinger: Die Neue Sammlung – The Design Museum © Anna Seibel

Geschrieben am 13.06.2017 von Matthieu Chladek
Themenbereich(e): Blog, Schlaglicht
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